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Ratgeber

Geld, das niemand abholt: Warum viele Menschen ihnen zustehende Sozialleistungen nicht beantragen

Wohngeld, Kinderzuschlag, aufstockendes Bürgergeld: Studien gehen seit Jahren davon aus, dass ein erheblicher Teil der Menschen mit Anspruch auf soziale Leistungen diese gar nicht erst beantragt. Woran das liegt – und wie man selbst herausfindet, ob man betroffen ist.

DeinLotse Redaktion · · 8 Min. Lesezeit

Ein Begriff, den kaum jemand kennt – und ein Problem, das viele betrifft

"Verdeckte Armut" oder, im Fachjargon, "Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen" – kaum ein sperrigerer Begriff beschreibt ein so konkretes Problem: Menschen, denen laut Gesetz Unterstützung zustünde, beantragen sie nicht. Sozial- und Wirtschaftsforschungsinstitute wie das IAB oder das DIW Berlin befassen sich seit Jahren mit dieser Lücke und kommen bei verschiedenen Leistungen – etwa dem Wohngeld, dem Kinderzuschlag oder ergänzenden Grundsicherungsleistungen für Erwerbstätige – auf zum Teil erhebliche Nichtinanspruchnahmequoten. Die genauen Zahlen schwanken je nach Leistung und Studie, aber der Grundbefund ist über die Jahre bemerkenswert stabil: Ein relevanter Teil der Berechtigten holt sich Geld, das ihnen gesetzlich zusteht, schlicht nicht ab.

Das ist kein Nischenphänomen. Es betrifft unter anderem Rentnerinnen und Rentner mit geringer Rente, die keine Grundsicherung im Alter beantragen. Erwerbstätige mit niedrigem Einkommen, die nicht wissen, dass ihnen trotz Job ergänzendes Bürgergeld oder Wohngeld zustehen könnte. Familien, die den Kinderzuschlag nicht kennen, weil er neben dem Kindergeld eine eigenständige, weniger bekannte Leistung ist. Und Studierende oder Auszubildende, die gar nicht auf dem Schirm haben, dass es für ihre Situation überhaupt spezifische Unterstützung gibt.

Warum Menschen auf Geld verzichten, das ihnen zusteht

Drei Gründe tauchen in der Forschung immer wieder auf. Der erste ist schlicht Unwissen: Das deutsche Sozialleistungssystem besteht aus einer Vielzahl einzelner, jeweils unterschiedlich beantragter Leistungen mit eigenen Zuständigkeiten – Wohngeldstelle, Jobcenter, Familienkasse, Sozialamt –, und niemand erklärt einem systematisch, welche davon für die eigene Lebenslage infrage kommen. Der zweite Grund ist Scham: Viele Menschen verbinden den Gang zum Amt mit einem Eingeständnis des Scheiterns, obwohl es sich rechtlich schlicht um einen Anspruch handelt, keine Wohltat. Der dritte Grund ist der bürokratische Aufwand selbst – Formulare, Nachweise, Fristen –, der gerade für Menschen in ohnehin belasteten Lebenssituationen wie eine zusätzliche Hürde wirkt, die man sich erspart, wenn der erwartete Betrag als zu gering oder der Antrag als zu kompliziert eingeschätzt wird.

Hinzu kommt ein Effekt, der in der öffentlichen Debatte selten vorkommt: Viele Menschen unterschätzen ihren eigenen Anspruch systematisch. Wer beispielsweise annimmt, für Wohngeld brauche es ein "sehr geringes" Einkommen, prüft den eigenen Fall oft gar nicht erst – dabei liegen die tatsächlichen Einkommensgrenzen, abhängig von Haushaltsgröße und Mietniveau der Region, in vielen Fällen deutlich höher, als landläufig angenommen wird.

Wie man in der Praxis herausfindet, ob man Anspruch hat

Der zuverlässigste erste Schritt ist fast immer derselbe: ein kostenloser, unverbindlicher Anspruchscheck – entweder direkt bei der zuständigen Stelle (Wohngeldstelle, Jobcenter, Familienkasse) oder über eine der zahlreichen digitalen Rechner, die Wohlfahrtsverbände und mittlerweile auch einzelne Bundesländer anbieten. Diese Rechner ersetzen keine rechtsverbindliche Auskunft, geben aber innerhalb weniger Minuten eine realistische Einschätzung, ob sich ein formeller Antrag überhaupt lohnt – und genau das ist oft die eigentliche Hürde: die Unsicherheit, ob der Aufwand sich lohnt, bevor man ihn überhaupt auf sich nimmt.

Wer unsicher ist, welche der zahlreichen Leistungen für die eigene Situation überhaupt infrage kommt, muss diese Frage außerdem nicht allein beantworten. Allgemeine Sozialberatungsstellen von Diakonie, Caritas, AWO oder dem Sozialverband VdK klären genau das kostenlos – oft schneller, als man denkt, weil die reine Ersteinschätzung meist deutlich weniger Zeit braucht als die eigentliche Antragsbearbeitung.

Der eigentliche Skandal ist die Komplexität, nicht die Betroffenen

Es wäre zu einfach, Menschen, die ihnen zustehende Leistungen nicht beantragen, allein individuelles Verhalten vorzuwerfen. Das eigentliche Problem liegt in einem System, das Anspruch und Wissen um diesen Anspruch strukturell auseinanderfallen lässt. Bis sich das ändert – etwa durch die seit Jahren diskutierte, aber bislang nur in Ansätzen umgesetzte automatische Auszahlung ohne Antrag –, bleibt die wirksamste Gegenmaßnahme eine einfache: einmal konkret nachfragen, ob einem etwas zusteht, statt es stillschweigend anzunehmen, dass es nicht so ist.

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