Das Bild, das die meisten im Kopf haben, stimmt nicht
Wohnungslosigkeit hat in der öffentlichen Vorstellung ein sehr konkretes Gesicht: eine Person mit Schlafsack auf einer Parkbank oder in einem U-Bahnhof. Diese Form, die sogenannte Straßenobdachlosigkeit, ist tatsächlich die sichtbarste – und zugleich die kleinste Gruppe innerhalb der Wohnungslosigkeit insgesamt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), der Dachverband der Wohnungslosenhilfe in Deutschland, unterscheidet seit Langem zwischen verschiedenen Formen: Menschen ohne jede Unterkunft, Menschen in Notunterkünften und Wohnheimen der Kommunen – und eine dritte, deutlich größere und kaum sichtbare Gruppe, die bei Freunden, Ex-Partnern, Verwandten oder flüchtigen Bekannten unterkommt, ohne eigenen Mietvertrag, ohne Meldeadresse im eigentlichen Sinne, ohne jede Sicherheit, wie lange das noch geht.
Diese verdeckte Wohnungslosigkeit betrifft überdurchschnittlich häufig Frauen und junge Menschen. Wer nach einer Trennung, einer Räumung oder dem Auszug aus dem Elternhaus keine eigene Wohnung findet, geht selten sofort in eine Notunterkunft – aus Scham, aus Sicherheitsbedenken oder schlicht, weil man vom Sofa einer Freundin oder eines Kollegen zunächst gar nicht weiß, dass man damit statistisch als wohnungslos gilt. Genau das macht diese Gruppe so schwer zu erfassen: Sie meldet sich selten bei offiziellen Stellen, weil sie sich selbst oft nicht als "wohnungslos" im klassischen Sinne wahrnimmt.
Warum das mehr als eine Definitionsfrage ist
Diese Unsichtbarkeit hat handfeste Folgen. Wer nirgends als wohnungslos registriert ist, taucht in keiner kommunalen Bedarfsplanung auf – und genau diese Planung entscheidet mit, wie viele Plätze in Notunterkünften, wie viel Sozialwohnungsbau und wie viel Beratungskapazität eine Stadt überhaupt vorhält. Ein Teil des Grundes, warum das Angebot an bezahlbaren Wohnungen und Unterstützung in vielen deutschen Städten chronisch knapp bemessen ist, liegt genau darin: Ein erheblicher Teil der eigentlichen Nachfrage wird von den Zahlen, auf denen diese Planung basiert, gar nicht erfasst.