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Neuigkeit

Wohnungslos, aber nicht auf der Straße

Wenn von Wohnungslosigkeit die Rede ist, denken die meisten an Menschen, die auf der Straße schlafen. Die tatsächlich größte Gruppe ist eine andere: Menschen, die bei Bekannten unterkommen, von Couch zu Couch ziehen und in keiner Statistik auftauchen. Warum verdeckte Wohnungslosigkeit so schwer zu erkennen ist – und wo Betroffene trotzdem Hilfe finden.

DeinLotse Redaktion · · 6 Min. Lesezeit

Das Bild, das die meisten im Kopf haben, stimmt nicht

Wohnungslosigkeit hat in der öffentlichen Vorstellung ein sehr konkretes Gesicht: eine Person mit Schlafsack auf einer Parkbank oder in einem U-Bahnhof. Diese Form, die sogenannte Straßenobdachlosigkeit, ist tatsächlich die sichtbarste – und zugleich die kleinste Gruppe innerhalb der Wohnungslosigkeit insgesamt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), der Dachverband der Wohnungslosenhilfe in Deutschland, unterscheidet seit Langem zwischen verschiedenen Formen: Menschen ohne jede Unterkunft, Menschen in Notunterkünften und Wohnheimen der Kommunen – und eine dritte, deutlich größere und kaum sichtbare Gruppe, die bei Freunden, Ex-Partnern, Verwandten oder flüchtigen Bekannten unterkommt, ohne eigenen Mietvertrag, ohne Meldeadresse im eigentlichen Sinne, ohne jede Sicherheit, wie lange das noch geht.

Diese verdeckte Wohnungslosigkeit betrifft überdurchschnittlich häufig Frauen und junge Menschen. Wer nach einer Trennung, einer Räumung oder dem Auszug aus dem Elternhaus keine eigene Wohnung findet, geht selten sofort in eine Notunterkunft – aus Scham, aus Sicherheitsbedenken oder schlicht, weil man vom Sofa einer Freundin oder eines Kollegen zunächst gar nicht weiß, dass man damit statistisch als wohnungslos gilt. Genau das macht diese Gruppe so schwer zu erfassen: Sie meldet sich selten bei offiziellen Stellen, weil sie sich selbst oft nicht als "wohnungslos" im klassischen Sinne wahrnimmt.

Warum das mehr als eine Definitionsfrage ist

Diese Unsichtbarkeit hat handfeste Folgen. Wer nirgends als wohnungslos registriert ist, taucht in keiner kommunalen Bedarfsplanung auf – und genau diese Planung entscheidet mit, wie viele Plätze in Notunterkünften, wie viel Sozialwohnungsbau und wie viel Beratungskapazität eine Stadt überhaupt vorhält. Ein Teil des Grundes, warum das Angebot an bezahlbaren Wohnungen und Unterstützung in vielen deutschen Städten chronisch knapp bemessen ist, liegt genau darin: Ein erheblicher Teil der eigentlichen Nachfrage wird von den Zahlen, auf denen diese Planung basiert, gar nicht erfasst.

Deutschland hat sich mit dem Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit das Ziel gesetzt, Wohnungslosigkeit bis 2030 spürbar zu verringern. Ob das gelingt, hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, auch die verdeckte Form sichtbarer zu machen – denn ein Plan kann nur wirken, wenn er das eigentliche Ausmaß des Problems kennt.

Wo verdeckt wohnungslose Menschen tatsächlich ansetzen können

Der entscheidende Unterschied zur Straßenobdachlosigkeit ist, dass bei verdeckter Wohnungslosigkeit häufig noch Zeit für Prävention bleibt, bevor eine Situation eskaliert. Kommunale Fachstellen zur Wohnungssicherung – in den meisten Städten unter Namen wie "Fachstelle für Wohnungsnotfälle" oder ähnlich zu finden – sind genau für diesen Moment gedacht: bevor die Räumungsklage eingereicht wird, bevor das letzte Sofa-Angebot ausläuft. Sie können bei der Wohnungssuche unterstützen, in manchen Fällen Mietschulden übernehmen, um eine drohende Räumung abzuwenden, und vermitteln in Zwischenlösungen, die über ein privates Sofa hinausgehen.

Wichtig zu wissen: Man muss dafür nicht "wohnungslos genug" sein, im Sinne von bereits obdachlos. Die Fachstellen sind explizit auch für Menschen da, denen der Verlust der Wohnung erst droht oder die bereits ohne eigene Unterkunft bei anderen untergekommen sind. Wer zögert, weil das eigene Sofa-Arrangement "ja eigentlich noch geht", verschenkt oft genau das Zeitfenster, in dem präventive Hilfe noch am wirksamsten ist.

Ein blinder Fleck, der Sichtbarkeit braucht

Verdeckte Wohnungslosigkeit lässt sich nicht allein durch mehr Notunterkünfte lösen, weil ihre Betroffenen genau diese oft gar nicht aufsuchen. Was hilft, ist eher das Gegenteil: niedrigschwellige, anonyme erste Anlaufpunkte, die man auch dann findet, wenn man sich selbst noch nicht als Fall für das Wohnungslosenhilfesystem sieht – sondern einfach als jemand, der gerade kein Zuhause hat und nicht weiß, wie lange das noch so bleibt.

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