Der erste Schritt ist oft der schwerste
Bevor sich jemand überhaupt traut, eine Schuldnerberatung, eine psychosoziale Beratungsstelle oder das Jobcenter anzurufen, ist meistens schon einiges passiert: gemahnte Rechnungen, schlaflose Nächte, das Gefühl, versagt zu haben, obwohl objektiv oft gar nicht die eigene Schuld die Ursache ist – ein Jobverlust, eine Trennung, eine Krankheit, gestiegene Energiekosten. Wer diesen Schritt schließlich geht, hat in der Regel schon eine Weile gebraucht, um überhaupt so weit zu kommen.
Und dann das: "Der nächste freie Termin ist in acht Wochen." In vielen Regionen Deutschlands ist das keine Ausnahme, sondern Alltag – vor allem bei der Schuldnerberatung, aber auch bei psychosozialen und familienbezogenen Beratungsangeboten. Diakonie, Caritas und AWO weisen seit Jahren darauf hin, dass die Nachfrage nach Beratung deutlich schneller wächst als die Zahl der Fachkräfte, die sie leisten können.
Warum die Wartezeiten wachsen, statt zu schrumpfen
Drei Entwicklungen kommen zusammen. Erstens ist die reine Zahl der Ratsuchenden gestiegen: gestiegene Mieten und Energiepreise, die Nachwirkungen der Inflation der vergangenen Jahre und eine wachsende Zahl an Menschen, die trotz Arbeit nicht über die Runden kommen, sorgen für mehr Beratungsbedarf als noch vor zehn Jahren. Zweitens ist die Finanzierung vieler Beratungsstellen kommunal und projektbezogen organisiert – das bedeutet häufig befristete Stellen, jährliche Haushaltsdebatten und Personal, das aus genau diesem Grund oft wieder abwandert, sobald sich eine unbefristete Alternative findet. Drittens ist Sozialberatung ein Beruf mit hoher psychischer Belastung und, gemessen an der Verantwortung, vergleichsweise geringer Bezahlung – der Fachkräftemangel trifft ihn deshalb besonders hart.
Das Ergebnis ist ein System, in dem die Tür zur Hilfe zwar existiert, aber oft erst nach einer langen Wartezeit aufgeht – ausgerechnet in Situationen, in denen Zeit häufig die knappste Ressource ist. Eine Mahnung, die heute übersehen wird, kann in acht Wochen ein Inkassoverfahren sein. Eine Räumungsklage lässt sich nicht auf einen freien Beratungstermin verschieben.