Ein Gesundheitsrisiko, das man nicht sieht
Wenn von Gesundheitsrisiken die Rede ist, denken die meisten an Rauchen, Bewegungsmangel oder falsche Ernährung. Chronische Einsamkeit gehört selten dazu, obwohl sie in ihrer Wirkung auf Herz-Kreislauf-System, Immunabwehr und psychische Gesundheit in etwa in derselben Größenordnung liegen kann. Die Weltgesundheitsorganisation hat soziale Isolation und Einsamkeit deshalb 2023 offiziell als globales Gesundheitsproblem eingestuft. In Deutschland beschäftigt sich seit einigen Jahren ein eigenes Kompetenznetz Einsamkeit mit der Frage, wie verbreitet das Phänomen tatsächlich ist – und wie Politik und Zivilgesellschaft gegensteuern können.
Das Tückische an Einsamkeit ist, dass sie sich nicht an das Klischee vom alten Menschen hält, der allein in seiner Wohnung sitzt. Betroffen sind auch Alleinerziehende, die zwischen Job, Kita-Abholzeiten und Haushalt keine Zeit für eigene soziale Kontakte finden. Pflegende Angehörige, deren Alltag sich fast vollständig um eine andere Person organisiert. Menschen, die aus beruflichen Gründen umgezogen sind und am neuen Ort noch kein Netzwerk aufgebaut haben. Und, was viele überrascht: auch junge Erwachsene zwischen 18 und 30 – ausgerechnet die Generation, die ständig "vernetzt" ist, berichtet in Befragungen überdurchschnittlich oft von Einsamkeitsgefühlen.
Warum kaum jemand darüber redet
Einsamkeit ist eines der am stärksten schambesetzten Themen im deutschen Sozial- und Gesundheitssystem. Wer zugibt, einsam zu sein, gesteht damit implizit ein soziales Versagen ein – zumindest fühlt es sich für viele Betroffene so an, auch wenn das objektiv selten stimmt. Anders als bei einer körperlichen Erkrankung gibt es selten einen klaren Anlass, deswegen zum Arzt oder zur Beratungsstelle zu gehen. Es entsteht kein Befund, den man vorzeigen kann. Das Ergebnis: Viele Betroffene sprechen erst dann darüber, wenn aus der Einsamkeit bereits eine handfeste Depression oder eine andere psychische Belastung geworden ist – ein Punkt, an dem frühere, niedrigschwellige Unterstützung oft leichter geholfen hätte.